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Prophetentypen

 

Die neuere Prophetenforscung unterscheidet drei verschiedene Prophetentypen, die sich mehr oder weniger deutlich voneinander abgrenzen lassen: Genossenschaftspropheten, Tempelpropheten und freie Propheten.

 

- Für die Genossenschaftspropheten kennt das Alte Testament die Bezeichnung "Prophetensöhne" (vgl. 2 Kön 4,38; 6,1 f.). Eine genauere Umschreibung wäre wohl: Mitglieder einer prophetischen Genossenschaft, Gilde, Korporation oder eines Konvents. Die Angehörigen des Prophetenkonvents gehen des landesüblichen Berufen als Bauern und Hirten nach und betätigen sich als "Heilpraktiker, Erteiler von Gottessprüchen, volkstümliche "Seelsorger", Wundertäter, aber auch als politischer Unruhestifter (vgl. 2 Kön 9))".

 

- Die Tempelpropheten spielen in der Biebel eine untergeordnete Rolle. Sie gehören neben den Priestern  zu Personal eines Tempels und scheinen ihr Amt teils vollberuflich, teils nur nebenberuflich auszuüben. Anders als die Priester sind sie nicht für den Opferdienst zuständig, sondern erteilen dem einzelnen Beter Zuspruch oder treten in größeren Gemeinschaftsgottesdiensten auf, um der Gemeinde ein verheißendes, tröstendes oder ermahnendes Wort Jahwes zu sagen, dessen Inhalt nicht oder kaum festgelegt ist. Ein Beleg weist darauf hin, dass sich Priester- oder Prophetenamt nicht auszuschließen brauchen.Paschchur, ein Gegner Jeremias, trägt den Priestertitel, doch wird ihm auch ein Prophetenwort zugeschrieben (Jer 20, 1.6). Vielleicht erklärt sich die Doppelrolle aus seiner Stellung als Oberaufseher am Tempel. Als solcher hat er Polizeifunktionen wahrzunehmen und kann widerspenstige Propheten wie Jeremia schlagen und über Naxht "in Block und Halseisen" (Jer 29,26) legen lassen.

 

- Die Hofpropheten stehen im Dienst des Königs und seiner Politik (vgl. 1 Kön 22). Nach dem Zeugnis der Bibel wirken auch Frauen als Hofprophetinnen (vgl. 2 Kön 22,14: Hulda; Jes 8,3: Jesajas Frau; Neh 6,14: Noadja). 

 

- Die freien, oppositionellen Propheten bilden die zahlenmäßig kleinste Gruppe. Sie haben sich aus der Tempelprophetie herausgelöst und treten nie oder nur selten im Kult- oder Tempelbereich auf. Dort laufen sie nämlich Gefahr, wie Amos und Jeremia von der priesterlichen Obrigkeit vom Platz gewiesen zu werden, Hausverbot zu erhalten oder gar für eine Nacht in den Block gespannt zu werden, "der am oberen Benjaminstor beim Haus Jahwes war" (Jer 20,2). Mit Ausnahme von Habakuk, Nahum und vielleicht Joel, die wohl noch als echte Tempelpropheten zu bezeichnen sind, gehören alle Schriftpropheten zur Gruppe der freien Propheten. Sie treten unbezahlt und ungebeten auf und mischen sich insbesondere in die Politik ein, wobei sie häufig die antikönigliche Opposition bilden und auch - wie das Beispiel Jeremias zeigt - verfolgt werden. Die freien Propheten muss man im Vergleich zu den Tempelpropheten als "Laien" betrachten.

 

- Die literarischen Propheten ("Tradenten-Propheten") haben die zunächst mündlich überlieferten Prophetenworte gesammelt und schriftlich fixiert. Es handelte sich hierbei nicht um "Schülerkreise", sondern ehe um Interessengruppen, die es als ihre Aufgabe betrachteten, die bleibende Gültigkeit der in einem Einzelwort konzentrierten prophetischen Botschaft festzuhalten. Dies hatte zur Folge, dass die Worte in späteren Zeiten aktualisiert und durch weiteres Sammelgut angereichert wurden. Ein gutes Beispiel dafür ist die "Fortschreibung" der Worte des Propheten Jesaja, der im 8. Jahrhundert v. Chr. wirkte (Jes 40-55), den so genannten Deuterojesaja, und eine dritte, als "Tritojesaja" bezeichnete nachexilische Sammlung (jes 56-66). Hinter diesem "Wachstumsprozess" der Prophetenbücher verbirgt sich die Vorstellung, dass ein einmal ergangenes Prophetenwort, gerade weil es "damals" auf die geschichtliche Situation bezogen war, auch "heute" der (inzwischen gewandelten) Geschichte verpflichtet ist und darum aktualisiert werden muss, um seine bleibende Gültigkeit zu erhalten.

 

Norbert Scholl, Die Bibel verstehen, Darmstadt, 2004

(Norbert Scholl, Dr. theol., von 1969 bis 1996 Professor für kath. Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.)

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