Weihnachten heute und damals (Teil II)

Geschenk-Geschichte

 

Während heutzutage das Schenken fast so etwas wie eine Pflicht, Statusverteidigung oder Selbstdarstellung zu sein scheint, hatte das Schenken früher - wenigstens im Ansatz- Symbolcharakter: Den Armen schenkte man existentiell Notwendiges und - damit sie mitfeiern konnten - etwas zum Essen und Trinken. Der Kreis der Armen, für den oft vor dem eigentlichen Fest gesammelt wurde (Christkindl einläuten), wurde seit der Reformation um die Kinder erweitert, deren Kinderbeschenktag zu Nikolaus damit entfallen sollte. Bis zur Reformation schenkten Erwachsene sich untereinander nichts, außer daß der Dienstherr verpflichtet war, seinen Dienstboten eine Kleinigkeit zu schenken.

Das Beschenken der Erwachsenen untereinander begann erst mit dem Verständnis von Weihnachten als Familienfest.

 

Als "norddeutsch-protestantische Sitte" wird der Gabentisch am Heiligabend in einer bayerischen Chronik von 1860 bezeichnet, "welche nur in München, seit den Tagen der Königin Caroline eingeführt, in den höheren Ständen festen Fuß gewonnen hat." Geschenke waren dabei manchmal symbolisch gemeint (Julklapp), aber immer etwas, was über die "Grundversorgung" mit Notwendigem hinausging, ein "superadditum": ein Buch, Süßigkeiten oder Spiele. Das Geschenk sollte die Freude vermitteln, die der Festtag bot, der ein Ereignis der "Übernatur" (=supernaturalitas) feierte. Der qualitative, tiefergehende Sinn der Geschenke stand früher stärker vor Augen.

Christkindlmarkt Nürnberg, Weihnachtsmarkt, Adventsmarkt; München, Christkindlmarkt in München; Hellseherin Natalie Dell Hamburg
Christkindlmarkt in Nürnberg; Foto: Stoja Kunstverlag, Nürnberg

"Christbürde" lautete der mittelalterliche Sammelbegriff für kleine Geschenke an Kinder zu Weihnachten, wie sie um 1500 benannt werden:"Wägelin, Pappenmänner zum Ziehen, Klappern, Schäfgen und Pferden." Ansonsten war als Geschenk der Paten an ihre Patenkinder in der Weihnachtszeit das Patenbrot üblich. Die Mädchen erhielten meist eine Lebkuchenfrau und die Jungen einen Lebkuchenreiter. 

 

Gekauft wurden diese Kleinigkeiten auf dem Weihnachtsmarkt. In der Vorweihnachtszeit kam im 14. Jahrhundert der Brauch auf, Handwerkern wie Spielzeugmachern, Korbflechtern, Zuckerbäckern u.ä. zu erlauben, Verkaufsstände auf dem Marktplatz zu errichten. Schon damals wurde auch das leibliche Wohl der Marktbesucher berücksichtigt: Es gab geröstete Kastanien, Nüsse und Mandeln zum Wohlbefinden. Zu den bekanntesten Weihnachtsmärkten gehören der Nürnberger Christkindlesmarkt, der Münchner Christkindlmarkt (1310 erstmals erwähnt) und der Dresdner Striezelmarkt (1434).

 

Zuerst beim evangelischen Adel seit dem 17. Jahrhundert und dann bei immer weiteren Bevölkerungskreisen, spätestens nach 1918 auch in traditionell katholischen Gegenden wandelten sich die Weihnachtsgeschenke. Ursprünglich bestanden sie aus Gebäck, Äpfeln, Nüssen und wirklich kleinen, meist selbstgebastelten Geschenken. Mit der Verbreitung des Weihnachtsbaumes und der Entwicklung des Christfestes als familiäres Kinderbeschenkfest ändert sich auch die Geschenke. Man schenkte geschlechtsspezifisch und rollenbezogen: Für Jungen gab es Kutschen, Soldaten, Bücher, Trompete und Trommel; für Mädchen Puppe, Wiege, Puppenküche, Spiegel, Kamm und Bürste. Die Geschenke bestärkten die vorgegebene, soziale Rolle und definierten zugleich das Prestige der Beschnenkten und der Schenker. Die Puppe, die nicht jedes Mädchen hatte, die Bleisoldaten, die andere sich nicht leisten konnten, ließen die Besitzer auf für andere unerreichbare Prestigestufen emporklettern.

 

Quelle: Feiern Feste Jahreszeiten", Manfred Becker-Huberti, Freiburg im Breisgau, 1998, S. 146-148

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Weihnachtsmarkt (um 1830). Foto: Archiv Dietz-Rüdiger Moser

1. Christkindlmarkt in Nürnberg

Foto: Stoja Kunstverlag, Nürnberg

2. Weihnachtsmarkt (um 1830).

Foto: Archiv Dietz-Rüdiger Moser

*1. Feiern Feste Jahreszeiten", Manfred Becker-Huberti, Freiburg im Breisgau, 1998, S. 109

*2. Feiern Feste Jahreszeiten", Manfred Becker-Huberti, Freiburg im Breisgau, 1998, S. 147