Hellsehen Teil I / Was ist Parapsychologie?

Was ist Parapsychologie?

 

Der Begriff "Parapsychologie" wurde im Jahre 1889 von dem deutschen Psychologen und Mediziner Max Dessoir (1867-1947) geprägt. Er schlug vor, Erscheinungen, "...die aus dem normalen Verlauf des Seelenlebens" heraustreten, als parapsychologisch zu bezeichnen, und "die von ihnen handelnde Wissenschaft "Parapsychologie"" zu nennen (Dessoir, 1889, S. 342). Dieses Feld sollte "ein bisher noch unbekanntes Grenzgebiet zwischen dem Durchschnitt und den abnormen pathalogischen Zuständen" (S. 342) kennzeichnen.

 

Eine Definition der Parapsychologie aus heutiger Sicht findet sich im Lehrbuch von Irwin und Watt (2007, S. 1). Parapsychologie sei demnach "... the scientific study of experiences which, if they are as they seem to be, are in principle outside the realm of human capabilities as presently conceived by conventional scientists." Interessant ist hierbei die Einschränkung im Sinne von "wenn sie da sind, was sie zu sein scheinen". Damit wird Bezug genommen auf die Tatsache, dass sich für viele zunächst außergewöhnliche Erfahrungen bei genauerem Hinsehen eine konventionelle Erklärung findet. Diese Suche nach einer Erklärung, die mit dem bestehenden wissenschaftlichen Weltbild kompatibel ist, steht am Anfang jeglichen parapsychologischen Forschens.

 

In den Fällen, in denen sich bestimmte Erfahrungen jedoch nicht mehr mit den Mitteln der orthodoxen Wissenschaft erklären lassen, sprechen Irwin und Watt (2007) von der Wirkung sogenannter paranormaler Faktoren. Sie betonen, dass eben nicht jeder parapsychologischen Erfahrung auch ein paranormaler Prozess zugrunde liegen muss. Irwin und Watt schließen diese Fälle jedoch ausdrücklich in ihre Definition ein und legen, wie schon Dessoir, Wert auf die Aspekte des menschlichen Erlebens und Erfahrens, die für die Parapsychologie nicht nur begrifflich zu einem Teilgebiet der Psychologie werden lassen.

Während Irwin also auf das menschliche Erleben fokussiert, zielt eine zweite Definition von Rush (1986b, S. 4) auf die Interaktion. Für ihn ist Parapsychologie "... the scientific field that is concerned with interactions, both sensory and motor, that seem not to be mediated by any rekognized physical mechanism or agency". Grundlage dieser Definition ist die Beobachtung, dass alle übersinnlichen Phänomene letzendlich dadurch auffallen, dass sie anscheinend auf anderen als den uns bekannten Übetragungswegen vermittelt werden. Dies gilt sowohl für sensorische als auch für motorische Interaktio n zwischen mehreren Lebewesen oder zwischen einem Lebewesen und der Umwelt. Wenn man einen Gegenstand sieht, der vor einem liegt, so kann dieser Prozess des Informationsgewinns wissenschaftlich relativ genau beschrieben und erklärt werden. Angefangen bei den vom Objekt reflektierten Lichtstrahlen über die Registrierung dieser durch das Auge bis hin zur neuronalen Verschaltung. Wenn aber etwas wahrgenommen wird, was momentan viele tausend Kilometer entfernt ist, so steht dafür kein anerkanntes wissenschaftliches Erklärungsmodell mehr zur Verfügung.

Interessanterweise schließt diese Definition, wenn man sie genau nimmt, auch das Leib-Seele-Problem mit ein und lässt es zu einem parapsychologischen Teilproblem werden. Denn es gibt kein empirisch validiertes Modell, das zufriedenstellend und wiederspruchsfrei erklärt, wie es von einer geistigen Absicht, zum Beispiel den Arm zu heben, zu den entsprechenden neuronalen und motorischen Prozessen kommt, die den Arm dann in Bewegung bringen. Und auch umgekehrt ist es nach wie vor ungeklärt, wie aus der neuronalen Verschaltung der eingehenden Nervensignale aus dem Auge ein bewußtes Erleben des Sehinhaltes wird.

Gemeinsam ist all diesen Definitionen, dass der Gegenstandsbereich der Parapsychologie neativ definiert wird. Es ist das Unbekannte, mit heutigem Verständnis nicht Erklärbare oder das den gängigen Modellen Widersprechende. Diese negative Definition ist natürlich unbefriedigend, da sie nie einen abgeschlossenen Gegenstandsbereich der Parapsychologie festlegen kann, sondern sich immer durch eine Unterscheidung konstituiert, die auf die offene Menge des nicht Erklärbaren verweist. So laufen all diese Definitionen Gefahr, je nachdem, wie geschickt oder ungeschickt sie formuliert sind, Themen der Parapsychologie zuzuordnen, die nicht ihrem originären Interesse entsprechen.

Griffin (1993) setzt sich mit diesem Problem der negativen Definition intensiv auseinander und plädiert, auch aus wissenschaftssoziologischen Gründen, für eine positive Definition des Gegenstandsbereiches der Parapsychologie. Andernfalls würde die Parapsychologie schon durch ihre Definition aus der konventionellen Forschung ausgeschlossen werden und somit das Verhältnis zwischen anerkannter und randständiger Forschung immer ein schwieriges, auf Aus- und Abgrenzung Beruhendes sein. Er schlägt vor, dass eine solche Definition auf dem Begriff "kausaler Einfluss aus der Ferne" (S. 228) beruhen könnte. Seine wissenschaftshistorische Argumentation beruht auf der Feststellung, dass eine Basis unserer naturwissenschaftliches Weltsicht die Definition eines kausalen Einflusses als eine lokale Wechselwirkung ist (Walach & Schmidt, 2005). Diese Beobachtung ist sicherlich richtig und sehr fruchtbar, zeigt jedoch gleichzeitig einmal mehr die Schwierigkeit auf, unbekannte und unverstandene Phänomene positiv zu definieren. Denn solche Definitionen erhalten schnell einschränkende Erklärungen, die letztlich willkürlich gesetzt sind. Wieso, so lässt sich fragen, müssen die entsprechenden Phänomene gerade durch einen kausalen Einfluss aus der Ferne hervorgerufen werden? Einige parapsychologischen Theorien benötigen keine Kausalität, zum Beispiel das Modell der Pragmatischen Information (siehe Kapitel 14 sowie Lucadou,1990, 1992), oder führen einen anderen Lokalitätsbegriff ein, zum Beispiel die Nähe in einem semantischen Raum (siehe Hardy, 1999). Letztendlich ist es nicht verwunderlich, dass die Definition des Gegenstandsbereiches der Parapsychologie so schwierig ist. Denn was definiert und damit genau beschrieben werden soll, über das muss auch vollständige Erkenntnis vorhanden sein. Das Unbekannte entzieht sich daher grundsätzlich jeglicher Definition.

 

Präkognition

Von Präkognition wird immer dann gesprochen, wenn es darum geht, Wissen über zukünftige Ereignisse zu erlangen. Auch hier wurde bewußt ein eutraler Begriff verwendet, um einen assoziativ vorbelasteten Begriff, wie zum Beispiel Prophezeiung, zu vermeiden.

 

Telepathie

 Telepathie geht von einem Sender/-in- Empfänger/-in Modell aus. Im engeren Sinne kann nur dann von einem telepathischen Ereignis oder Phänomen gesprochen werden, wenn eine Person zu einer Information gelangt, die ausschließlich in den Gedanken oder Gedächtnisinhalten einer anderen Person vorhanden ist, und wenn keine der bekannten Übertragungswege für diese Information benutzt werden.

 

Hellsehen 

Im Unterschied zur Telepathie kann beim Hellsehen (engl. clairvoyance) die Psi-vermittelte Information auch in der Umwelt verfügbar sein. Da es in den meisten Situationen, in denen es um Psi-Kommunikation zwischen zwei Personen geht, nicht zu klären ist, ob es sich um Hellsehen oder Telepathie handelt, fasst man diese beiden Begriffe auch unter dem Oberbegriff general extrasensory perception (GESP), auf Deutsch Allgemeine Außersinnliche Wahrnehmung (AASW, zusammen (Bender, 1971; Rush, 1986b.)

Neben diesen rezeptiven Psi-Phänomenbereich, in dem Menschen oder auch andere Lebewesen auf unerklärte Art und Weise auf ihre Umwelt einwirken. Setzt man die oben gebrauchte Analogie fort, dann könnte hier vielleicht von einer Parallele zur Motorik anstatt zur Sensorik gesprochen werden (J. C. Carpenter, 2012).

Quelle: "Experimentelle Parapsychologie, Eine Einführung", Stefan Schmidt,Würzburg, 2014

 

Hellsichtigkeit, d.h. Menschen, die zu Wendezeiten - um Mitternacht, an Sonntagen und insbesondere an Neujahr - geboren wurden, besitzen überkommenem Glauben nach häufig die Gabe, während ebendieser Wechselphasen, unbeeinträchtigt von Raum und Zeit, Geschehnisse wahrzunehmen, die sich entweder in der Vergangenheit zutrugen, zeitgleich andernorts ereignen oder in naher (seltener ferner) Zukunft begeben werden. 

 

Quelle: "An den Grenzen der Erkenntnis", Mayer, Schetsche, Schmied, Knittel, Vaitl, Stuttgart, 2015