Hellseher und Medien in der Polizeiarbeit heute

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Prof. Hans Bender befragt den niederländischen Hellseher Croiset (links) zu seiner Technik der paranormalen Vermisstensuche (um 1972; Quelle: IGPP-Archiv)

Forschungen zur Kooperation von Polizeibehörden und personalen Medien finden weiterhin statt. Der historische Terminus "Kriminaltelepathie" findet hier allerdings kaum noch Verwendung. Der niederländische Psychologe Sybo A. Schouten hat in einer neueren Studie die Rolle von Hellsehern bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit in den Niederlanden systematisch untersucht und damit eine bemerkenswert lange Tradition solcher Untersuchungen (gerade in den Niederlanden) fortgesetzt (Schouten 2002/2003/2004). Im Rahmen seiner breit angelegter Studie über den Einsatz von Hellsehern in polizeilichen Ermittlungen bei Vermisstenfällen wurden niederländische Polizeidienststellen per Fragebogen nach ihren Erfahrungen mit dem Einsatz von Hellsehern befragt. In die systematische Analyse flossen 418 berichtete Fälle ein, in denen die gesuchte Person im Jahre 1995 oder später verschwunden war. Das auffäligste Ergebnis dieser Studie ist sicherlich, dass in rund 15 Prozent der untersuchten Vermistenfälle Hellseher beteiligt waren - aufgrund von Aufforderungen durch Angehörige oder durch die Eigeninitiative der Hellseher selbst. Es zeigte sich, dass die Beamten den Fähigkeiten der Hellseher tendenziell neutral bis ablehnend gegenüber standen. Trotz einer eher skeptischen Grundhaltung waren die betreffenden Polizisten allerdings bereit, die Aussagen der vermeintlichen Hellseher aufzunehmen und zu prüfen. Der primäre Grund hierfür war, dass in den betreffenden Fällen die traditionellen Ermittlungsmethoden ausgeschöpft waren und die ermittelnden Beamten nichts unversucht lassen wollen, um den Fall aufzuklären.  Die Befunde der Untersuchung von Schouten sind bei neutraler Betrachtung allerdings eher ernüchternd zu nennen: Die von den Hellsehern an die Polizei herangetragenen Hinweise haben in keinem der Fälle wirklich weitergeführt. Ob es an der mangelnden Qualität der Hinweise oder der zu geringen Bereitschaft der Polizeidienststellen gelegen hat, diesen ernsthaft nachzugehen, lässt sich nicht entscheiden. Zumindest konnte sich Schouten für seine breit angelegte Studie jedoch auf zahlreiche Rückmeldungen aus dem Polizeiapparat stützen, ähnlich wie bei einer älteren Studie aus Großbritannien, wo die Forscher bei ihrer Untersuchung aktiv von einzelnen Polizeibeamten unterstützt wurden (Wisemann et al. 1996).

 

Wie schwierig es dagegen in Deutschland ist, verwertbare Auskünfte von Polizeidienststellen zu erhalten, zeigte sich bereits bei einer Umfrage, die Anfang der 1990er-Jahre vom damaligen Leiter der Vermisstenstelle des Bayerischen Landeskriminalamtes durchgeführt wurde. Alle zuständigen Polizeistellen dieses Bundeslandes wurden schriftlich danach gefragt, " in wie vielen und welchen Fällen der Polizei oder Angehörigen von Vermissten Hilfe von ASW-Vertretern angeboten wurde oder Anzeigerstatter von Vermisstenfällen oder die Polizei solche Vertreter eingeschaltet haben" (Milke 1994, S. 242). Die Antworten auf die Anfrage blieben meist eher pauschal bzw. sehr ungenau. Zudem gab es Hinweise, dass keinesfalls alle Fälle gemeldet wurden. Mit ganz ähnlichen Problemen sah sich Dobranic (2007) konfrontiert, die im Rahmen ihrer kriminologischen Diplomarbeit an der Universität Hamburg alle deutschen Landeskriminalämter schriftlich zu ihren Erfahrungen mit entsprechenden Angeboten von "Personen mit paranormalen Fähigkeiten" befragte. Nur vier Landeskriminalämter berichteten über entsprechende Angebote zur Unterstützung der Polizeiarbeit. Die meisten anderen meldeten Fehlanzeige: Es lägen keine solchen Erfahrungen vor und man könne sich  eine solche Zusammenarbeit auch nicht vorstellen. Das am häufigsten angeführte Argument gegen eine entsprechende Kooperation war die fehlende Gerichtsverwertbarkeit der Aussagen aus diesem Personenkreis. Die Angaben jener vier Landeskriminalämter, die über entsprechende Angebote von Hellsehern berichteten, machen jedoch klar, dass zumindest gelegentlich Angebote zum Einsatz paranormaler Methoden an die Polizei herangetragen werden. Allerdings betonten die Dienststellen, dass es sich erstens nur um wenige Fälle handeln würde, zweitens die Hinweise der betreffenden Hellsehmedien nicht zur Aufklärung beigetragen hätten und drittens in dieser Sache grundsätzliche Skepsis bestünde. Es ist davon auszugehen, dass in den Landeskriminalämtern sehr unterschiedlich mit der Forschungsanfrage umgegangen wurde. Nur zwei Dienststellen hatten vor Beantwortung der Anfrage Stellungnahmen der Polizeidirektionen ihrer Länder eingeholt. Dies deutet darauf hin, dass vor Ort durchaus praktische Erfahrungen vorhanden sein könnten, von denen die übergeordneten Landeskriminalämter keine Kenntnis erlangt haben.

 

Im Rahmen einer neueren Erhebung in der Schweiz (Keller 2012) sollte herausgefunden werden, ob der Einsatz paranormaler Methoden bei Entführungs- und Vermisstenfällen ein sinnvolles Instrument der Ermittlungsarbeit sein könne. Auch hier meldeten sich nur sieben aller angeschriebenen 15 schweizerischen Polizeikorps zurück, obwohl die Umfrage aus dem Polizeiapparat heraus entwickelt wurde.Festgestellt werden konnte auch hier, dass die Thematik innerhalb der Polizeibehörden bekannt ist und dort diskutiert wird. Die Initiative geht dabei vor allem von Angehörigen aus und die Methode findet stets als Ultima Ratio, das heißt bei ungeklärten Fällen, Verwendung, wenngleich es keinerlei einheitliche Vorgehensweise bei entsprechenden Anfragen zu geben scheint. Die Auskunft gebenden Behörden meldeten zudem so gut wie keine positiven Ergebnisse.

 

Diese genannten Umfragen lassen die Schwierigkeit erkennen, konkrete Informationen über den aktuellen Umgang mit paranormalen Ermittlungsmethoden in der praktischen Polizeiarbeit zu erhalten.Wenigstens konnten die Studien diese unorthodoxen Fragestellungen als Inhalte der kriminalistischen und polizeilichen Ausbildung präsentieren. Neuerdings wurden von Benecke (2011), und damit von einem prominenten Forensiker, die Möglichkeiten der Verbrechensaufklärung mittels paranormaler Fähigkeiten erneut eindringlich hinterfragt, was auf die kontinuierliche und offensichtliche Virulenz der Fragestellung in polizeiinternen Diskursen verweist.

 

Zur vertiefenden Lektüre

Schellinger, U. Trancemedien und Verbrechungsaufklärung: "Die "Kriminaltelepathie" in der Weimarer Republik. In: Hahn, M, Schüttpelz E (Hrsg). Trancemedien und Neue Medien um 1900. Ein anderer Blick auf die Moderne. Bielefeld: transcript 2009; 311-39.

Schetsche M, Schellinger U. "Psychic detectives" auch in Deutschland? Hellseher und polizeiliche Ermittlungsarbeit. Die Kriminalpolizei 2007; 25 (4): 142-6.

Schouten SA. Hellseher und polizeiliche Ermittlungen. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 2002/2003/2004; 44/45/46: 36-117.

Wolffram H. Crime, Clairvoyance and the Weimar Police. Journal of Contemporary History 2009b; 44:581-601.

 

Literatur

Anonym. Telepathie und Kriminalpolizei. Berliner Illustrierte Zeitung 1919; 28 (31): 290-1.

Bender H. Hellseher als Helfer der Polizei. Die Weltwoche 1954; 22 (1101): 7.

Benecke M. Einsatz von übersinnlichen Fähigkeiten. Test eines "Mediums" bei Tötungsdelikten. Kriminalistik 2011; 65 (10): 628-34.

Böhm S. Der Prozess Else Günther-Geffers und die Debatte um die Wissenschaftlichkeit "paranormaler" Phänomene. Unveröffentliche Magisterarbeit. Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin, 2009.

Brandt S. Der Hellseher von Bernburg. Der Prozess gegen den Kriminaltelepathen August Christian Drost. Unveröffentliche Magisterarbeit. Historisches Seminar, Universität Freiburg, 2009.

Brieschke A, "Ein so klägliches Bild ist von keinem Kriminaltelepathen bekannt". Ein Hellseher-Prozess in Württemberg in den 1920er Jahren. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Universität Tübingen, 2001.

Dobranic D. Hellseher im Dienste der Verbrechensaufklärung. Ermittlungsbehörden und Kriminaltelepathen zwischen Kooperation und Konfrontation. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Institut für Kriminologische Sozialforchung, Universität Hamburg, 2007.

 


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